Darf's ein wenig Kultur sein im Sommer?
„Der Waffenschmied"
Manchmal findet man Humanismus an den unerwartetsten Orten – zum Beispiel mitten in einer komischen Oper aus dem Jahr 1846.
In Albert Lortzings „Der Waffenschmied" tritt der junge Geselle Georg auf und singt eine Arie, die es in sich hat: „Man wird ja einmal nur geboren, darum genieße jedermann das Leben, eh es noch verloren, so viel als er nur immer kann." Klingt erstmal nach einem Trinklied. Ist aber, wenn man genauer hinhört, eine ziemlich diesseitige Ansage: keine Vertröstung aufs Jenseits, kein frommer Vorbehalt – einfach die schlichte Feststellung, dass dieses eine Leben alles ist, was wir haben, und dass es sich deshalb lohnt, gut damit umzugehen. Eine Haltung, die uns als säkularen Humanist*innen nicht ganz fremd vorkommt.
Georg bleibt dabei aber nicht stehen beim reinen Genießen. „Doch muß man, wahrhaft froh zu leben, sich mit Verstand der Lust ergeben" – Genuss ja, aber mit Vernunft, nicht blind in den Tag hinein. Selbstbestimmung durch Nachdenken statt durch Vorschrift von außen: auch das ein Gedanke, der uns sympathisch ist.
Am schönsten aber ist, was Georg mit der biblischen Josephsgeschichte anstellt. Statt Josephs Erfolg seiner Tugend zuzuschreiben, dreht er den Spieß um: „Doch seine Keuschheit ganz alleine hätt nimmer ihn mit Ruhm bedeckt – die Schlauheit half ihm auf die Beine!" Eine biblische Figur wird kurzerhand nicht als moralisches Vorbild, sondern als kluger Stratege gelesen – Religionskritik durch die Hintertür, verpackt in ein Bonmot.
Ganz ernst nehmen sollte man das natürlich nicht. Es ist eine komische Oper, kein philosophisches Traktat, und Georg singt das alles mit einem Augenzwinkern, nicht als Weltanschauung. Aber manchmal steckt in so einem Augenzwinkern mehr Diesseitigkeit, als man erwartet hätte – und das allein ist schon einen Sommergruß wert.
Zur Oper: „Der Waffenschmied" ist eine komische Oper von Albert Lortzing (1801–1851), einem der bedeutendsten deutschen Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts. Uraufgeführt wurde das Werk 1846 in Wien. Die hier zitierte Arie stammt aus dem vierten Auftritt und wird von der Figur Georg gesungen, einem Waffenschmiedgesellen.
Vierter Auftritt. Georg allein.
GEORG: Das will ich auch hoffen, denn obwohl ich meiner Profession nach eigentlich vom Amboß stamme, so möchte ich doch all die Strapazen nicht umsonst mitgemacht haben! Jetzt will ich erst anfangen zu leben, zu genießen! Das heißt aber: mit Verstand, nicht wild in den Tag hinein! Ich will mir das Leben schon angenehm machen!
Nr. 2. Arie
Man wird ja einmal nur geboren, darum genieße jedermann das Leben, eh es noch verloren, so viel als er nur immer kann. Doch muß man, wahrhaft froh zu leben, sich mit Verstand der Lust ergeben. Ich hab den Wahlspruch mir gestellt: Man lebt nur einmal in der Welt!
Der keusche Joseph in der Bibel – ich führ ihn nur als Beispiel an – er war von Aussehn gar nicht übel und ein gar tugendhafter Mann. Doch seine Keuschheit ganz alleine hätt nimmer ihn mit Ruhm bedeckt – die Schlauheit half ihm auf die Beine! Drum hab ich vor dem Mann Respekt. Er lebt in Freuden, von allen Seiten ward Gold und Weihrauch ihm gestreut. Er war gescheit!
Man wird ja einmal nur geboren, darum genieße jedermann das Leben, eh es noch verloren, so viel als er nur immer kann. Doch muß man, wahrhaft froh zu leben, sich mit Verstand der Lust ergeben. Ich hab den Wahlspruch mir gestellt: Man lebt nur einmal in der Welt!
Man hat schon in den frühsten Tagen durch List und Schlauheit viel erreicht; wenn auch die Leute immer sagen, den Dummen sei das Glück geneigt. Die Dummheit bietet selten Zinsen, sonst leistete ja Esau nicht für eine Schüssel dicker Linsen auf seine Erstgeburt Verzicht. Viel Leute leben ohne Sorgen so grad nur in den Tag hinein; ich will genießen, jedoch auch wissen, warum ich mich der Lust geweiht. Darum gescheit! Nur stets gescheit!
Man wird ja einmal nur geboren, darum genieße jedermann das Leben, eh es noch verloren, so viel als er nur immer kann. Doch muß man, wahrhaft froh zu leben, sich mit Verstand der Lust ergeben. Ich hab den Wahlspruch mir gestellt: Man lebt nur einmal in der Welt!
Da die Oper von 1846 stammt und Lortzing bereits 1851 verstarb, liegt das Werk gemeinfrei vor.

